Die Einsamkeit der Primzahlen – Paolo Giordano

Der Debütroman des Italieners sorgt auch in Deutschland für Furore

14.09.2009 Nicole Korzonnek

Mit seinem ersten Roman eroberte Paolo Giordano die italienischen Bestsellerlisten im Sturm. Nun ist sein Debüt auch endlich in der deutschen Übersetzung erschienen.

In Italien war der Roman „La solitudine dei numeri primi“ von Paolo Giordano der große literarische Überraschungserfolg des Jahres 2008, denn das Debütwerk des 27-jährigen Schriftstellers avancierte quasi über Nacht zum meistverkauften Buch des Landes. Doch Giordano spricht mit seinem Werk nicht nur den Geschmack der Massen an: Für die Jury des Premio Strega, des wichtigsten Literaturpreises in Italien, war der Roman derart wertvoll, dass Paolo Giordano nun der jüngste Preisträger aller Zeiten in der 60-jährigen Geschichte des Premio Strega ist. Da verwundert es nicht, dass auch andere Länder auf sein Debüt aufmerksam wurden. In Deutschland ist es jetzt mit dem Titel „Die Einsamkeit der Primzahlen“ herausgekommen.

Die Schicksale von Mattia und Alice

Obwohl der Titel einen mathematischen Inhalt vermuten lässt, geht es in „Die Einsamkeit der Primzahlen“ zentral um das Leben von Mattia und Alice, die beide in ihrer Kindheit von verschiedenen Ereignissen traumatisiert wurden. Alice verletzte sich bei einem Skiunfall schwer und hat seitdem ein steifes Bein. Mattia hingegen fühlt sich für das Verschwinden seiner zurückgebliebenen Zwillingsschwester Michela verantwortlich, die er als kleiner Junge unbewacht in einem Park zurückließ. Als Teenager lernen sich Alice und Mattia in der Schule kennen. Sie ist inzwischen magersüchtig, er verletzt sich ständig selbst. Beide sind Gestalten am Rande der Gesellschaft, doch machen sie sich selbst zu Außenseitern, indem sie ihre seelischen Wunden vor anderen verstecken und ihre physischen Narben wie einen Schutzwall, durch den niemand hindurch kommen kann, vor sich hertragen.

Unerfüllte Liebe in „Die Einsamkeit der Primzahlen“

Doch auch zusammen sind Mattia und Alice einsam. Aus Freundschaft wird im Laufe der Jahre eine zaghafte Liebe, die aber nie so recht zur Erfüllung kommt. Mattia, der inzwischen die Mathematik zu seinem Beruf gemacht hat, vergleicht sich und Alice mit Primzahlenpaaren. Sie sind sich so ähnlich und nah, doch können sie nie zusammenkommen, denn eine gerade Zahl steht immer zwischen ihnen. Diese gerade Zahl ist in diesem Falle das Leben.

Großer literarischer Wurf: „Die Einsamkeit der Primzahlen“

Voller poetischer Tragik zeichnet Paolo Giordana hier das Leben von zwei kaputten Menschen über die Jahrzehnte nach, die hätten gesunden können, wenn sie sich denn nur ihrem Gegenüber geöffnet hätten. So aber verharren Mattia und Alice in ihrer emotionalen Starre und können das Glück, das sie beide so sehr verdienen, nicht finden. Das ist ein starker Stoff für einen Roman, der für eine triefende Kitschigkeit geradezu prädestiniert ist. Bei Giordano trieft aber nichts und ist auch nicht kitschig, denn er wählt seine Worte mit Bedacht. Die Gefühle seiner beiden Protagonisten werden dem Leser hier nicht auf einem Silbertablett serviert, denn vieles bleibt unausgesprochen, kann nur erahnt werden. So ist man plötzlich mitten in der Kommunikationsunfähigkeit von Mattia und Alice drin, ist selbst in dieser verbalen Ohnmacht gefangen, die einem die Kehle zuschnürt und schwer schlucken lässt. Emotional ergreifend aber eben nicht pathetisch zu schreiben, ist eine große Kunst, die Giordano im Schlaf zu beherrschen scheint. Deswegen kann man „Die Einsamkeit der Primzahlen“ ganz zu recht als großen literarischen Wurf bezeichnen, wie es einige Feuilletons in Europa getan haben. Doch der Roman ist vor allem eines: Eine wunderschöne und glaubhafte Liebesgeschichte, die derart berührend ist, dass man das Buch nur ungern vorm Ende aus der Hand legen möchte.

Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen. Blessing 2009. Gebundene Ausgabe, 368 Seiten. Euro 19,95

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